G I N A

Mein Mann und ich waren Ende 1992 auf der Suche nach einem zweiten Pferd für uns bei einem Händler/Schlachter Nähe Amstetten zu Besuch. Dieser zeigte uns eine kleine, viel zu dicke Haflingerstute – und es war Liebe auf den ersten Blick. Dieser Glanz in den Augen, ein Temperament dass man bei diesem Übergewicht wohl kaum vermutet hätte und ein ungebrochener Lebenswille trotz sicherlich schlimmer Vergangenheit.

Leider hatte Gina aber auch den ungebrochenen Willen, sich jeden Reiters möglichst schnell zu entledigen. Also war erstmal viel Vertrauensarbeit angesagt, die Ausbildung im Sattel begann ich ganz von vorne, obwohl sie wohl mal ziemlich gut geritten worden sein dürfte. Nach zwei Jahren aber waren wir ein sehr gutes Team, wir genossen die Ausritte durch die Umgebung, bei denen wir meist alleine unterwegs waren und sich Gina auch mal selber den Weg aussuchen durfte, der aber nicht immer derjenige war, der am schnellsten nach Hause führte.

Leider waren gerade die ersten Jahre auch von diversen Krankheiten/Verletzungen überschattet, die sie aber alle sehr gut überstand. Eine beginnende Dämpfigkeit, die von einem Homöopathen erfolgreich behandelt wurde, ein Griffelbeinbruch, eine Messerattacke eines Pferderippers – um nur die Schlimmsten zu nennen.
Über Ginas Abstammung weiß ich leider gar nichts, jeder Versuch, etwas zu erfahren, schlug fehl. Sie trägt den Salzburger Haflingerbrand, aber keine Halsnummer. Über ihr genaues Alter erfuhr ich genausoviel unterschiedliche Daten wie ich Tierärzte oder Fachleute befragte. Die Spanne reichte von 7 bis 15 Jahren. Laut Händler soll sie beim Kauf 10 bis 12 Jahre alt gewesen sein. Beim Ausstellen des Pferdepasses wurde ihr Geburtsjahr dann auf 1981 geschätzt.

Als ich Ende 2002 schwanger wurde, suchte ich lange nach einer Reitbeteiligung für Gina, sie sollte gerade wegen ihres Alters regelmäßig leicht bewegt werden. Leider sucht sich meine Stute ihre Reiter selber aus, und nach einigen Abwürfen diverser “Könner” gab ich auf und schickte Gina in Pension. Ab und zu trägt sie meinen Sohn Dominik durchs Gelände, manchmal kann ich nicht widerstehen und schwinge ich mich selber noch kurz in ihren Sattel, und was soll ich sagen, Gina hat mit weit über 20 Jahren noch immer mehr Temperament als so manches Jungpferd. Ich muss sie bremsen, sie würde wohl laufen, bis sie umfällt.
Vielleicht mögen manche, die mich und mein Pferd kennen, das anders sehen, aber Gina ist mein Traumpferd, sie hat Charakter, ist leistungsbereit und arbeitet immer gern mit – wenn sie einem vertraut, ist sie ein absolutes Verlasspferd. Möge man mich für verrückt erklären, für mich ist und bleibt Gina das schönste und beste Pferd im Stall!

Mit Gina zu reiten war immer ein ganz besonderes Erlebnis, man brauchte nur an eine Übung zu denken und sie führte sie schon aus, und zwar mit minimalsten Hilfen.
Ich bin zwar ein überzeugter Dressurreiter, doch Turniere oder Prüfungen interessieren mich nicht und wahrscheinlich hätte Gina aufgrund ihres Körperbaus, der nicht unbedingt dem eines modernen Reitpferdes entspricht, auch nicht allzu große Chancen gehabt.
Deshalb beschränkten wir uns auf richtige Gymnastizierung unterm Sattel und bei der Bodenarbeit und viele entspannende Ausritte zwischendurch.
Als ich Gina kaufte, hatte sie panische Angst vor bunten Hindernisstangen - eine Erinnerung an ihre schlimme Vergangenheit. Nach viel Vertrauensarbeit entdeckte sie wieder ihre Liebe fürs Springen und kaum sah sie fortan ein Hindernis musste sie drüber, ob der Reiter nun wollte oder nicht, sie ließ sich meist nur ungern davon abbringen. Da ich nicht so gerne und vor allem auch nicht gut sprang, nahm ich Gina zuliebe ein paar Springstunden bei Elke Haberleitner am Gurhof. Daraufhin gewannen wir sogar einmal bei einem Faschingsspringen.

Auf diesen Bildern ist Gina ca. 22 Jahre alt. Wir sprangen nicht mehr oft und auch nicht sehr hoch, aber es machte ihr Spaß und man musste sie nie treiben.

Das höchste Hindernis, das Gina mit meinem Mann je sprang, war 120 cm, und ich denke, bei einem Stockmass von knapp 140 ist das keine schlechte Leistung.
Mit zunehmendem Alter wurden die Pausen während der Arbeit länger und die Viereckarbeit großteils durch Ausritte ersetzt. Bis zu meiner Schwangerschaft wurde Gina dennoch fast täglich bewegt und sie war immer fit und sehr willig.
Ich habe von ihr eine Menge gelernt, vor allem bin ich durch ihren Übermut einigermaßen sattelfest geworden. Gina stieg sehr gerne, buckelte wie ein Weltmeister und ihre Lieblingsübung war Steigen, sofort während des Steigens eine Drehung um 180 Grad und dann Buckeln.
Andere Reiter beeindruckte Gina aber durch Nichtstun - sie machte bei den meisten nicht einmal einen Schritt und viele stiegen daraufhin wieder ab.
Wer sich aber durchzusetzen vermochte und über genügend Können verfügte war meist überrascht von der Feinheit und Leichtigkeit dieser Stute. Nicht selten hörte ich, dass sie ausgesprochen schnell und willig reagierte und sehr fein im Maul war. Die meisten waren in ihren Schaukelstuhlgalopp verliebt und ich war natürlich dann immer sehr stolz auf mein Pferd und mich.
Dieses letzte Bild ist schon auf unserem eigenen Viereck und Gina ist ca. 25 Jahre alt. Auch wenn mein Sitz durch Babybauch und langer Reitpause alles andere als gut ist, es machte Spaß und Gina arbeitete noch sehr gut mit.

Leider mussten wir Gina am 27. Mai 2008 einschläfern lassen …
Du bleibst für immer in meinem Herz, ich werd Dich nie vergessen!

G I N A